Der Schalenstein von Romanos, Provinz Zaragoza (Nordost-Spanien)

von Till Ernstson

Schalenstein in Spanien, Provinz Zaragoza Aragón Romanos

Un monumento prehistorico (una roca con impresiones en forma de “copa”) cerca de Romanos, Provincia de Zaragoza (España)

A prehistoric cup marked stone near Romanos, Province of Zaragoza (northeast Spain)

Zusammenfassung. – Es wird über ein für die Region Aragón bisher unbekanntes prähistorisches Denkmal in der Form eines Schalensteins berichtet. Eine knapp 1 m² große Fläche im anstehenden Gestein weist etwa 120 Schalen sowie Ritzungen auf. Ein nahegelegener begleitender Stein zeigt Gravuren, besitzt aber keine Schalen. Mögliche Datierungen der Steinbearbeitung reichen von vor-bronzezeitlich bis mittelalterlich.

Resumen. – Ha sido descubierto un notable monumento prehistórico, desconocido hasta el presente en la comunidad autónoma de Aragón, consistente en una roca con impresiones en forma de ”bol” (o “copa”). En un afloramiento cuya área es de aproximadamente 1 m², la roca en cuestión exhibe alrededor de 120 impresiones en forma de bol así como grabados. Una segunda roca, próxima a ésta, muestra en su superfície tan sólo grabados pero no impresiones en forma de bol. Una posible datación para la génesis de estas huellas antropogénicas las sitúa entre una edad anterior a la del bronce y el medievo.

Abstract. – A report on a prehistoric monument hitherto unknown in the Aragón region in the form of a cup marked stone is given. The exposed autochthonous Cambrian sandstone exhibits about 120 cups and additional engravings on a surficial area of the size of one square meter. A nearby companion stone shows engravings however not any cups. Possible datings of the working on the stones are between pre-Bronze Age and medieval.

Einleitung

Schalensteine sind Steinblöcke (Findlinge, erratische Blöcke) oder freigewitterte Schichten des natürlich anstehenden Gesteins mit mehr oder weniger glatten Oberflächen, die anthropogene halbkugelige Vertiefungen aufweisen. Man findet sie meist in der Nähe prähistorischer Siedlungen oder Grabstätten, aber auch an markanten Aussichtspunkten, Quellen oder alten Wegen. Die namengebenden Schalen variieren von 2 bis 20 cm Durchmesser und 1 bis 10 cm Tiefe, und sie werden oft von verschiedenen Kreuz- und Ringsymbolen sowie abstrakten, aber auch bildlichen Darstellungen begleitet.

Generell weltweit verbreitet, finden sich Schalensteine in Europa konzentriert im Alpen- und Pyrenäenraum, in Nord- und Nordwesteuropa und dort oft in der Nähe megalithischer Gräber und Siedlungen. Ihre Bedeutung, mögliche Nutzung und genaues Alter sind bisher nicht eindeutig geklärt (vgl. u.a. Müller-Karpe 1980; Rizzi 1995; Schwegler 1992, 1995,). Die größen- und lageabhängige Funktionsdeutung reicht von praktischen Anwendungen als Mörser oder Behältnis über Wegweiser und Fruchtbarkeitssymbole bis hin zu astronomischen Plänen, wie etwa beim Schalenstein von Grenchen in der Schweiz (Liniger 1974).

Hier wird über den Fund eines bemerkenswerten Schalensteins in der Provinz Zaragoza in Nordost-Spanien berichtet, der außer den Schalen Ritzzeichnungen aufweist und von einem unweit entfernten weiteren Stein mit Ritzungen, aber ohne Schalen, begleitet wird.

Fundumstände

Im Zuge geologischer Geländearbeiten wurden bereits vor etwa 10 Jahren deutsche Geologen von einem Schäfer auf einen mit Ritzzeichnungen überzogenen Felsen nordwestlich der Ortschaft Romanos, etwa 60 km südwestlich der Provinzhauptstadt Zaragoza (Abb.1), hingewiesen (pers. Mitteilung K. Ernstson). Bei späteren Geländebegehungen entdeckte der Verf. unweit einen zweiten Stein, den eigentlichen, bisher unbekannten Schalenstein. In unmittelbarer Nähe wurden zwei mutmaßliche Schlagsteine aus weißem Quarzit sowie zwei Silexsplitter aufgelesen.

Romanos Zaragoza mapa

Abb. 1. Lageplan (Cal = Calamocha, Cam = Caminreal, Car = Cariñena, Mun = Muniesa).

Nachdem im Frühjahr 2004 unübersehbar war, daß die Trasse der im Bau befindlichen Autobahn (Autovia Valencia – Col de Somport) den Schalenstein unmittelbar bedrohte, machte der Verf. die Regierung von Aragón in Zaragoza auf die Existenz des Steins und die Gefahr seiner Zerstörung aufmerksam, worauf unverzüglich ein Baustopp im Bereich des Steins eingeleitet wurde. Der Vertreter der Regierung und Spezialist für Felsbilder, José Ignazio Royo Guillén, stellte die große Bedeutung dieser prähistorischen Denkmäler heraus, die in dieser Form in Aragón bisher unbekannt sind. Eine Grabungskampagne wurde vorgesehen.

Der Schalenstein

Der Schalenstein befindet sich am Rand eines flachen Bachtals. Seine knapp 1 m² große, mit etwa 45° einfallende Fläche ist eine freigewitterte tektonische Schlifffläche in kambrischen Sandsteinen, die sich durch eine teilweise natürliche Politur hervorhebt (Abb. 2).

Schalenstein in Spanien, Provinz Zaragoza Aragón Romanos

Schalenstein in Spanien, Provinz Zaragoza Aragón Romanos Schalen im Detail

Abb. 2. Romanos, Prov. Zaragoza, Schalenstein: 1 Gesamtansicht. – 2 Detail. – Die größten Schalen haben einen Durchmesser von 5 cm.

Auf der Fläche werden annähernd 120 Schälchen mit einem Durchmesser zwischen 2 und 5 cm und einer Tiefe bis zu 1 cm gezählt (Abb. 2). Ein irgendwie geregeltes System der Anordnung drängt sich nicht auf. Die Schälchen überlagern offensichtlich präexistente, scheinbar unkoordiniert eingravierte Linien und Strichformationen. Zwei Symbole können als nach oben gerichtete Bögen gedeutet werden (Abb. 3 ). Der rechte Teil der Schalensteinfläche ist zudem mit einem etwa 30 cm x 30 cm großen Gittermuster bedeckt, bei dem die Einzelfelder eingravierte Diagonalen aufweisen.

Abb. 3. Romanos, Prov. Zaragoza, Gravuren auf dem Schalenstein. Bildbreite etwa 25 cm. Die Fotografien der Gravuren wurden zur Verstärkung der Kontraste einer Bildbearbeitung unterzogen (vgl. auch Abb. 4 und 5).

Über den Prozeß der Herstellung können nur Vermutungen angestellt werden. Ob es sich bei der Bearbeitungsweise um Stein oder/und Metallwerkzeuge handelte, ist aufgrund fortgeschrittener Verwitterung nicht mehr zu sagen. Wegen der aufgefundenen mutmaßlichen Schlagsteine aus Quarzit drängt sich eine Herstellung der Schalen durch “Picken” auf. Metallwerkzeuge wären bei der Gravur der Linien vorstellbar. Eigene Versuche mit Silexabschlägen auf ähnlichen Flächen desselben Gesteins belegen, daß eine problemlose Gravur von Linien möglich ist.

Die Ritzungen des begleitenden Steines

Der zweite Stein in etwa 200 m Entfernung ist ähnlich exponiert am Rand des flachen Bachtals in kambrischen Sandsteinen zu finden. Die etwas kleinere Fläche ist gleichermaßen tektonisch poliert, wobei sich die Politur wiederum durch eine schwarzbraune Farbe hervorhebt. Die Gravuren bestehen vorwiegend aus zahlreichen einfachsten Kreuz- und Liniensymbolen (Abb. 4 ). Hervorzuheben ist eine Figur, die als ein stilisiertes Bogenmännchen gedeutet werden kann (Abb. 5).

Abb. 4. Romanos, Prov. Zaragoza, Kreuz- und Liniensymbole auf dem begleitenden Stein.

Abb. 5. Romanos, Prov. Zaragoza, “Bogenmännchen” auf dem begleitenden Stein.

Beziehungen

Die bisher ungelösten Fragen nach Sinn der Schalensteine und Gravuren sowie die Unsicherheit einer Datierung teilen sich auch dem hier vorgestellten Fundkomplex mit. Vergleichbare Konstellationen sind aus der Region nicht bekannt (Royo Guillén 2001; J.I. Royo Guillén, pers. Mitteilung) , wobei die große Zahl von annähernd 120 Schälchen ohnehin ungewöhnlich ist. Zu den Steinen mit den größten Anzahlen von Schalen zählen z.B. der Schalenstein von Grenchen (Kt. Solothurn, CH) mit ca. 100 Schalen und der Schalenstein von Bunsoh (Kreis Dithmarschen, D) mit über 200 Schalen. Die nächstgelegenen Felsbilder finden sich in 60-70 km Entfernung von Romanos im Tal des Río Martín im Südosten nördlich Montalbán (vgl. Abb.1) (Royo Guillén 1996) und bei Almohaja im Süden (Royo Guillén / Gómez Lecumberri 1996, Royo Guillén / Andrés Moreno 2000). Schalen finden sich nur bei Almohaja; dort sind es zehn in Verbindung mit drei Spiralmustern, wobei es sich möglicherweise um bronzezeitliche Arbeiten handelt (Royo Guillén / Gómez Lecumberri 1996).

Für den schalenlosen Stein von Romanos eine Chronologie aufzustellen, erscheint nahezu unmöglich. Es ist zwar davon auszugehen (pers. Mitteilung J. I. Royo Guillén), daß einige der eingravierten Muster neolithischer oder späterer,  iberischer  Herkunft sind, wahrscheinlich ist aber eine dauerhafte Benutzung der Fläche bis in die Neuzeit. Kreuze als christliche Symbole oder Ritzungen im Sinne eines “ich war hier” (von Baumrinden wohlbekannt) sind mögliche Interpretationen.

Der unscheinbarere Schalenstein mag hiervon einigermaßen verschont geblieben sein, und man kann die Striche und Linien mit ziemlicher Sicherheit als spätestens bronzezeitlich einordnen, sofern die Einstufung der überlagernden Schalen in die Bronzezeit zutrifft. Daß es sich bei ihm um eine Art Maltafel handelte, die nach mehr oder weniger erfolgreichen Ritzversuchen mit Lehm oder Farbe überstrichen wurde, um von neuem zu beginnen, kann vermutet aber nicht weiter belegt werden. Dasselbe gilt für eine mögliche gezielte Plazierung der Schalen auf den präexistenten Strichformationen.  Bei dem Gittermuster könnte es sich um ein mittelalterliches Spiel aus der Zeit des 9.-12.Jahrhunderts handeln (Royo Guillén / Andrés Moreno 2000; J.I. Royo Guillén, pers. Mitteilung). Auszuschließen ist eine Entstehung der Gravuren als Folge der tektonischen Bewegung mit der Bildung der Schliffflächen.

Danksagung

J. I. Royo Guillén von der Regierung von Aragón gab sehr hilfreiche Hinweise und Kommentare und stellte Literatur zur Verfügung. Dr. H. Schoenfelder und A. Binsteiner trugen zur Verbesserung des Manuskriptes bei. F. Claudin schrieb das spanische RESUMEN.

Literatur

Liniger, H. (1974): Die astronomische Bedeutung des Bildsteins von Grenchen – Eichholz (Schweiz). Basler Beiträge zu den Felsbildproblemen 8 (Basel 1975).

Müller-Karpe, H. (1980): Handbuch der Vorgeschichte. Vierter Band, Bronzezeit, Zweiter Teilband (München 1980).

Rizzi, G. (1995): Schalensteine, ein vielfältiges Phänomen? In: Mitteilungen der ANISA, Verein für alpine Forschung, 16/1, Studien und Dokumentationen. Schalensteine.1995, 78-98.

Royo Guillén, J.I. (2001): Arte Rupestre Aragonés. Documentación, protección y difusión. In: Panel, Rev. Arte Rupestre, 1, 2001, 44-53.

Royo Guillén,J.I. & Gómez Lecumbery, F. (1996): Los grabados rupestres esquemáticos de los “Pozos Boyetes” en Peñarroyas, Montalbán, Teruel. (Montalbán 1996).

Royo Guillén, J.I. & Andrés Moreno, J.A. (2000): Los grabados rupestres en Aragón y su soporte geológico. Naturaleza Aragoneza, Rev. Soc. Am. Mus. Paleont. Univ. Zaragoza6, 2000, 29-40.

Schwegler, U. (1992): Schalen- und Zeichensteine der Schweiz (Basel  1992).

Schwegler, U. (1995): Datierung von Felszeichnungen und Schalensteinen. In: Mitteilungen der ANISA, Verein für alpine Forschung, 16/1, Studien und Dokumentationen. Schalensteine.1995, 99-123.

Weblink:http://de.wikipedia.org/wiki/Schalenstein

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